Vergebung nach Missbrauch, geht das? Interview mit Verena König 🤔

Vergebung nach Missbrauch – geht das? Interview mit Verena König

Apr 14

In diesem spannenden Interview mit Traumatherapeutin, Coach und Seminarleiterin Verena König erfährst du, ob Vergebung nach Missbrauch heilend ist, was wir unter Traumasensibilität verstehen und wieso bei der Heilung alle Anteile mitgenommen werden und was in unseren Augen ein großes „Problem“ der Persönlichkeitsentwicklungsszene ist.

Wir sprechen außerdem darüber was der ICD ist, über den Aufbau des Nervensystems und über das sehr komplexe Thema Vergebung.

Traumasensibilität Bedeutung und Therapieformen

Verena erklärt zu Beginn, was sie unter Traumasensibilität versteht. Für sie bedeutet es, dass jemand genug Wissen über Trauma besitzt, um mit jemandem, der:die traumatisiert ist, sensibel umzugehen.

Denn die verschiedenen Therapieformen sind leider nicht zwangsläufig traumasensibel. Wichtig findet Sie, die Besonderheiten im Nervensystem einer traumatisierten Person zu kennen und demnach die Arbeit zu gestalten.

Denn das Problem ist leider, dass einem oft dazu geraten wird, alles über den Verstande, den Willen zu regeln, nach dem Motto: “Wenn dein Wille nur stark genug ist, geht das schon.“

Aber genau das funktioniert eben nicht beim Trauma. Man kann nicht einfach nur entscheiden, aus der “Opferrolle” herauszugehen und schwupps ist alles wieder gut.

Warum du traumasensitive Arbeit flexibel gestalten solltest

Demnach sollte traumasensitive Arbeit flexibel gestaltet sein und man sollte immer wieder gemeinsam neu erforscht und testen, was dem:der Kleint:in gut tut, denn nicht jede Methode passt automatisch für jeden Menschen.

Daher warnt Verena auch vor der derzeitig wachsenden Persönlichkeitsentwicklungs-Szene. Die Hintergründe und Arbeitsweisen an sich sind toll, jedoch kommt es schnell dazu, dass man sich selbst unter Druck setzt und es zwanghaft wird.

Man bekommt das Gefühl, etwas richtig oder falsch zu machen und so steigt schnell der Stress und Druck. Doch genau das ist für die Heilung eines Traumas kontraproduktiv und schädlich.

Zu beachten gilt immer, dass alle Anteile auf dem Heilungsweg integriert werden und man auf sich achtet und spürt, was einem gut tut.

Ist die Vergebung nach Missbrauch möglich und wichtig für die Heilung?

Vergebung nach Missbrauch

Anschließend habe ich Verena gefragt, wie Sie zum Thema Vergebung nach Missbrauch steht. Vergebung nach Missbrauch ist ganz klar möglich, aber nicht unbedingt ein nötiger Schritt zur Heilung.

Denn dieses sehr komplexe Thema findet auf einer anderen Ebene statt. Hierbei sollte man sich klar sein, dass man niemals die Tatsache oder die Grausamkeit des Erlebten verkleinert.

Der:die Täter:in bleibt immer ein:e Täter:in. Aber wenn man bei sich angekommen ist und bereit ist, loszulassen, kann Vergebung nach Missbrauch gut tun, da man immer für sich selbst vergibt.

Das Schwierige bei diesem Thema ist, dass Vergebung etwas Verbindendes hat und dies eine unglaubliche Bedrohung im Inneren auslösen kann, sich mit dem Täter zu verbinden.

Aber woran erkenne ich, dass ich überhaupt traumatisiert bin? 

Auch hierfür hat Verena einige Merkmale, auf die man achten kann und die Hinweise für eine Traumatisierung sein können. Ein Signal kann beispielsweise sein, dass man gewisse Verhaltensreaktionen nicht ändern kann, egal, wie sehr man es versucht und obwohl man anders handeln möchte.

Ebenso können Bindungsängste, Abhängigkeiten und Beziehungsthemen darauf hinweisen. Auch wenn man das Gefühl hat, man spürt den eigenen Körper nicht und ist abgetrennt von sich oder dass man merkt, dass das Nervensystem oft extrem reagiert, können dies Anzeichen sein.

Ursprung der Traumatherapie mit Siegmund Freud

Vergebung nach Missbrauch

In diesem Zusammenhang hat Verena außerdem berichtet, wie die Traumatherapie eigentlich entstanden ist. Die Traumatherapie hat ihren eigentlichen Ursprung bei Siegmund Freund.

Er selbst hat viele Trauma erlitten und erforscht, dass der Großteil der hysterischen Frauen sexuelle Gewalt durch die Familie erlebt hat. So zog er die ersten Verbindungen und ging damit an die Öffentlichkeit.

Leider gab es daraufhin starke Kritik, weshalb der diese These revidierte. So hatte sich die Traumatherapie danach nur sehr langsam entwickelt.

Heute gibt es für Therapien das ICD. Das steht für internationale statistische Klassifikation von Krankheiten. Dieser wird alle vier Jahre neu veröffentlicht und beinhaltet die Anzeichen und Symptome von Krankheiten, die auch dafür genutzt werden, um beispielsweise eine posttraumatische Belastungsstörung zu diagnostizieren.

Aber wie wirkt sich so eine Belastungsstörung im Nervensystem aus? 

Dafür muss man verstehen, dass es zwei Zweige in unserem Nervensystem gibt: den Sympathikus und den Parasympathikus.

Der Sympathikus sorgt für Aktivität. Er ist zuständig dafür unseren Körper in eine Kampfmodus zu bringen und aktiv und energiegeladen zu sein.

Der Parasympathikus ist der Gegenspieler und ist für die Entspannung und Regeneration zuständig. Unser Körper funktioniert am besten, wenn beide Nervenzweige in Balance miteinander sind.

Bei einem traumatisierten Nervensystem ist aber fast nur der Sympathikus aktiv und der Parasympathikus zu schwach, weshalb sich das Nervensystem nur viel zu selten entspannt.

Somit ist unser Nervensystem dauerhaft unter Stress. Das führt leider auch dazu, dass viele Menschen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, ihren Gefühlen nicht mehr vertrauen. Hier rät die Transformationsexpertin immer zu untersuchen, in welchem Zustand ich mich gerade befinde.

Denn wenn ich sehr gestresst bin, sollte ich vielleicht noch ein zweites Mal überlegen, was ich wirklich fühle. Wenn ich aber in einem entspannten Modus bin, kann ich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit den Gefühlen vertrauen. Es ist hilfreich, achtsam wahrzunehmen, was unser Körper uns signalisiert und im zweiten Schritt diese Empfindung zu bewerten, denn Gefühle können aus der äußeren, aber auch aus der inneren Wahrnehmung entstehen.

Traumatisierte Menschen haben oft Schwierigkeiten mit Wut

Ein Gefühl, mit dem sehr häufig traumatisierte Menschen Schwierigkeiten haben ist die Wut. Wut entsteht dann, wenn eine Grenze überschritten wurde.

Sie hat die Aufgabe der Abgrenzung und ist eine gesunde Abwehrreaktion. Wenn jedoch unterdrückte Wut im Körper ist, kann es sein, dass man entweder kaum Wut spürt oder in das andere Extrem geht und super starke, unbändige Wut verspürt.

Leider lernen wir zudem in der Gesellschaft, das Wut „etwas Schlechtes“ ist und wir Wut unterdrücken sollen. Aber gerade weil Wut dafür da ist, uns abgrenzen zu können, ist es wichtig wieder zu lernen Wut zu empfinden und zu regulieren. Für die Regulation kann man die Wut körperlich ausleiten. Dabei sollte aber alles wieder traumasensitiv geschehen.

Wenn man beispielsweise laut schreit oder Gegenstände zerstört, kann das zu einer Übererregung führen. Durch ein Trauma ist unser sogenanntes „Window of Tolerance“ auch bekannt als Resilienz nämlich kleiner, weshalb wir durch Handlungen und Erlebnisse viel schneller erschöpft und überfordert sein können.

Aber dieses Resilienzfenster kann genauso wieder wachsen.

Posttraumatisches Wachstum - was ist das?

Vergebung nach Missbrauch

Verena König ging außerdem auch auf eine wundervolle und positive Entdeckung ein: das posttraumatisches Wachstum. Denn durch die Traumaaufarbeitung und den Heilungsweg haben Betroffene eine größere persönliche Stärke und ein größeres Empathie-Empfinden als Menschen, die keinen Missbrauch erlebt haben.

Weitere Bestandteile des posttraumatischen Wachstums sind eine größere Wertschätzung des Lebens, eine neue Prioritätensetzung und ein erweiterter Sinn für Wissenschaft und Spiritualität. Betroffene sind interessiert daran, ihrem Leben einen tieferen Sinn zu schenken und deshalb gibt es viele Survivor Queens die aus dem Erlebten etwas Gutes machen.

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About the Author

Hi, ich bin Mai 😊 Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht Opfern sexuellen Missbrauchs zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Auch wenn eure Scham und Angst etwas anderes erzählen: Das ist nicht wahr! Und es kommt noch besser: Der richtige schöne Teil eures Lebens liegt noch vor euch! Ich habe es geschafft, aus dem schlimmsten Erlebnis meines Lebens, eine enorme Kraft zu ziehen & mein Leben nach meinen Ideen neu zu gestalten - also kannst du das auch! Deine Mai 💛

  • Rüdiger Hauschild sagt:

    Liebe Mai,

    durch Zufall bin ich auf deiner Webseite gelandet. Als ich ein wenig in die podcasts von Verena König eingetaucht bin. Du machst so tolle und wichtige Arbeit!!!

    Alles Liebe von Rüdiger

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