Opfer 😯 - Warum ich den Begriff als Teil meines Podcast Titels wĂ€hlte

‚Opfer‘ – Warum ich den Begriff als Teil meines Podcast Titels gewĂ€hlt habe

Mai 15
sexuelle Belaestigung opfer

Heute möchte ich ĂŒber ein grundsĂ€tzliches Thema sprechen, nĂ€mlich der Begriff 'Opfer'. Warum ich zum Beispiel meinen Podcast mit 'FĂŒr Opfer, Betroffene und Interessierte' betitle. Ich habe mir wirklich sehr lange Gedanken darĂŒber gemacht, was der Untertitel sein soll und wie ich mit dem Wort Opfer umgehe.

Der Begriff selber ist sehr umstritten und ich mag euch einfach eine Bandbreite aufzeigen. Welche FĂŒr- und Gegenargumente es zu dem Begriff gibt und warum ich mich am Ende dazu entschieden habe den Begriff ganz bewusst zu benutzen.

Angefangen hat die ganze Diskussion, als ich vor gut vier Wochen drei Beispiel Podcast-Cover-Bilder von meiner Designerin hochgeladen und nach Meinung gebeten habe. Der Titel war damals noch ein bisschen anders aber der Begriff Opfer war auch enthalten. Über alle Plattformen hinweg habe ich ĂŒber 150 RĂŒckmeldungen bekommen, was mega cool war. 

Viel Feedback wurde daraus auch umgesetzt. Feedback ist ein Geschenk. Man muss nicht jedes Feedback umsetzen, aber man darf es annehmen oder auch beschließen es nicht anzunehmen. Gerade der Begriff 'Opfer' hat spannender Weise viele Leute zu Diskussionen angeregt. 

Warum ist das Wort ĂŒberhaupt negativ belastet?

Scham und Angst als Opfer sexuellen Missbrauchs

Scham und Angst als Opfer sexuellen Missbrauchs

Ich stereotypiere das einfach mal um es einfacher zu machen und es von Einzelpersonen weg zu bringen. Es waren hauptsĂ€chlich Menschen die eher spiritueller sind, die ein großes Problem mit dem Begriff Opfer hatten. Da waren wirklich mehrere die gesagt haben das der Begriff negative Energie mit sich bringt und die Menschen keine Opfer sein wollen. 

Ich weiß nicht, ob sie ĂŒber sich selber gesprochen haben oder potenziell andere. Im Endeffekt kam dadurch raus das 'Opfer' ein schlechtes Wort sei und das man kein Opfer sein will. Das hat mich zum Nachdenken angeregt. Wobei ich nochmal in mich gegangen bin und auch dieser Artikel dadurch entstanden ist. 

Warum habe ich den Begriff Opfer gewĂ€hlt? Möchte ich das? War das eine bewusste oder unbewusste Entscheidung? Dann bin ich nochmal in meine eigene Reise zurĂŒckgegangen.

Wie ich mit dem Begriff 'Opfer' begonnen habe. TatsĂ€chlich habe ich den Großteil meines Lebens mit dem Begriff 'Opfer' sehr schwergetan. Ich hatte Angst vor dem Stigma in meiner Jugend und Kindheit, da war 'Opfer' eine Beleidigung.

Achtlos wird mit dem Wort umgegangen und als Beleidigung benutzt. Und ich wollte natĂŒrlich nie ein Opfer sein. Das hat ĂŒberhaupt nicht meinem Selbstbild entsprochen. Es gibt so ein Stereotyp von einem Opfer, ein Opfer ist hilflos, wehrlos, klein, schmĂ€chtig und sonst etwas. 

Es gibt einfach dieses Bild davon und es hat alles gar nie zu mir gepasst. Ich war die große, starke Schwester, die Ă€lteste Tochter. Ich war, obwohl ich im Restaurant mitgearbeitet habe, meinen Schwestern bei den Hausaufgaben geholfen habe, sie großgezogen habe und den Haushalt geschmissen habe, war ich trotzdem in der Schule immer im Einser, Zweier Bereich unterwegs. 

Das hat fĂŒr mich alles gar nicht zusammengepasst und je Ă€lter ich wurde, desto weniger war das fĂŒr mich stimmig. Irgendwann war ich Teenager, dann war ich Mai: die Powerfrau, die alles schafft.

Duales Studium, Karriereleiter hoch und ich hatte immer Angst das andere Menschen mich als Opfer sehen könnten. Es war fĂŒr mich die schlimmste Vorstellung Mitleid zu bekommen und bemitleidet zu werden. Mitleidig angeschaut zu werden.

Was hinter dem Wort 'Opfer' wirklich steckt, ist eine Tatsache

Opfer sexueller Missbrauch

Was steckt hinter dem Wort wirklich?

Das ist fĂŒr mich dieses Opferstigma. Diese Angst davor hat mich 17 Jahre lang davon abgehalten mein Schweigen zu brechen, mich davon abgehalten darĂŒber zu sprechen was mir passiert ist, dass ich zum Opfer geworden bin. Ich hatte Angst vor diesem Stigma, vor diesem Stereotyp, dass ich damit identifiziert werde. 

Ich konnte mir nicht eingestehen, dass ich zum Opfer geworden bin. Und das ist ja das Spannende. Es gibt einerseits den Stereotypen von 'Opfern', welchen ich auch versuche durch Interviews aufzubrechen. Wo ich versuche euch zu zeigen, was ich selber auf meinem Weg erst verstanden habe, dass es nicht 'das Opfer' gibt. Es gibt auch nicht 'die Frau' oder 'den Mann'.

Dementsprechend gibt es auch nicht 'das Opfer' . Jedes Opfer ist unterschiedlich und jeder geht seinen ganz persönlichen Weg. Banales Beispiel: Ich liebe es mit offener TĂŒr zu schlafen. 

Ich habe eine Freundin die missbraucht worden ist und bei ihr mĂŒssen alle TĂŒren und Fenster zu sein. Und wer von uns beiden ist jetzt der Opfer? Ja wir beide. Und wer von uns ist jetzt der Stereotype? Wahrscheinlich eher der mit den geschlossenen TĂŒren. Aber warum?

Ich hatte Angst davor als, das Opfer gesehen zu werden und habe deswegen ewig lange nicht angezeigt. Bei einem Missbrauch oder eine Vergewaltigung liegt eine Straftat vor. Bei einer Straftat haben wir zwei Seiten, nÀmlich TÀter und Opfer.

Es hat seine Berechtigung, dass spirituelle Menschen sagen: Lasst uns nicht ĂŒber Opfer sprechen, lasst uns ĂŒber Betroffene, ĂŒber Überlebende sprechen aber an erster Stelle steht erstmal die Benennung der Tatsachen. 

Denn ohne TÀter, kein Opfer und ohne Opfer kein TÀter. In dem Moment, in dem eingestanden wird das man zum Opfer geworden ist, kann auch die andere Person als das benannt werden, was sie ist, nÀmlich der TÀter.

Diese zwei Seiten der Medaille finde ich wichtig und ich habe oft das GefĂŒhl, gerade in den Diskussionen ĂŒber, in meinem Podcast-Cover vorkommenden Begriff, habe ich das GefĂŒhl gehabt, dass vollkommen an der RealitĂ€t vorbeidiskutiert wurde. 

Bei der Heilung kann man den ersten Schritt - das Akzeptieren, dass man zum Opfer wurde, nicht ĂŒberspringen

Wurdest du Opfer sexuellen Missbrauchs?

Wurdest du Opfer sexuellen Missbrauchs?

Das fand ich super schade und da gebe ich euch gerne noch mal ein persönliches Beispiel. An dem Tag meiner Gerichtsverhandlung, der Tag an dem ich dem Mann, der mich als Kind missbraucht hat, zum allerersten Mal entgegengetreten bin, hat sich in meinem Leben ganz viel verĂ€ndert. 

Vorher war er der Angeklagte und ich war die NebenklÀgerin. Solange kein GestÀndnis da ist, ist er lediglich der Angeklagte und nicht der TÀter. In dem Moment, in dem wir uns das erste Mal im Gerichtsflur gesehen haben, ist er vor mir auf die Knie gefallen.

Ich habe auch in dem Interview mit der Eva Nitschinger mehr dazu erzĂ€hlt, wenn ihr da nochmal genau reinhören wollt, dann gerne hier in Teil 1 und Teil 2.

Aber was ich hier sagen will ist, das er eingestanden hat, dass er TĂ€ter ist. Er hat seine Schuld eingestanden und in dem Moment hat er mir auch zugestanden, dass ich ein Opfer geworden bin, dass ich ein Opfer war.

Ich glaube das fĂŒr viele andere dieses: Schritt fĂŒr Schritt vorangehen, das richtige ist.

Der erste Schritt ist erstmal das Eingestehen und Anerkennen der Rollen: TĂ€ter und Opfer. Genau in dem Moment hat sich bei mir emotional so viel gleichzeitig abgespielt. Ich hatte das GefĂŒhl, die RealitĂ€t um mich herum spielt sich in Zeitlupe ab. 

Bei mir im Kopf, im Herzen und im Körper hat sich aber alles in zehnfacher Geschwindigkeit abgespielt. In dem Moment, in dem er sich vor mir auf die Knie geworfen hat, in dem Moment, in dem die Rollen klar waren, er ist TÀter ich bin Opfer, er gestÀndig und reuig.

Ab da konnte bei mir Heilung eintreten. Bei mir ist wieder etwas ganz geworden. Ein kleines zartes PflÀnzchen das auf einmal wieder wachsen konnte.

Heilung ist ein Prozess der Schritt fĂŒr Schritt durchlebt werden muss - AbkĂŒrzungen gibt es nicht

metoo - sexueller Missbrauch

metoo - sexueller Missbrauch

Ich glaube, wenn Menschen versuchen den Begriff 'Opfer' zu vermeiden, egal ob man selber Opfer ist oder nicht, wird denjenigen die tatsĂ€chlich Opfer geworden sind etwas weggenommen. Heilung funktioniert Schritt fĂŒr Schritt. 

Kennt ihr diese ganzen Werbungen auf Facebook oder Instagram: 'Werde in 30 Tagen zum MillionÀr!' oder: 'Verdiene in 30 Tagen deine ersten 10.000 Euro!' danach folgt dann noch immer einer dieser StandardsÀtze: Ohne Kaltakquise zu betreiben, ohne Bekanntheit zu haben, ohne Geld einzusetzen.

Dieses Versprechen, dieser vermeintliche Gedanke man könnte Schritt drei erreichen, ohne Schritt eins zu machen. Und das ist meiner Meinung nach nicht wahr. 

Meiner Meinung nach ist der allererste Schritt die Anerkennung der Rollen: TĂ€ter, Opfer. 

Der zweite Schritt der Heilung: Die Transformation und neue Begriffserfindung

Ich war Opfer sexueller Gewalt

Ich war Opfer sexueller Gewalt

Der zweite Schritt kann dann die Transformation dessen sein und in einer neuen Begriffserfindung mĂŒnden. Das kann dann ‘Betroffene’ sein, so wie ich es jetzt auch ergĂ€nzt habe oder auch ‘Überlebende’, so wie es im Englischen oft als ‘Survivor’ genutzt wird. 

Diejenigen die einen sexuellen Missbrauch, eine Vergewaltigung ĂŒberstanden haben und immer noch am Leben sind.

Dabei geht es nicht darum, dass ihnen so viel Gewalt angetan wurde, dass sie hĂ€tten sterben können, sondern darum, dass sie den Überlebenswillen haben und weiter machen wollen, obwohl sie so sehr in ihren Persönlichkeitsrechten, in ihrer privatesten und intimsten Zone berĂŒhrt und verletzt worden sind. Egal ob emotional oder körperlich.

Das ist fĂŒr mich Schritt 1 und Schritt 2 tun. Nach dem ersten Schritt kann es dann auch zu der Entwicklung kommen die Beschreibung ‘Opfer’ abzulegen: Ich bin mal Opfer geworden, ich war einmal ein Opfer, heute bin ich aber Überlebende/ Betroffene. Vielleicht will derjenige auch gar kein Wort mehr wĂ€hlen, will da keine IdentitĂ€t mehr zu haben, sondern man wurde mal sexuell missbraucht. 

Wie wir sprechen so entfaltet sich unsere RealitÀt

Neuanfang - Opfer von sexueller Gewalt

Neuanfang durch Heilung und Transformation

Sprache schafft RealitĂ€t, deswegen verstehe ich auch einerseits die Kritik am Begriff 'Opfer' andererseits plĂ€diere ich einfach dafĂŒr den Prozess durchzugehen, den Heilungsprozess ganz zu machen. 

Ich habe mal einen sehr spannenden Hinweis von meiner Therapeutin bekommen, sie meinte ich soll doch anstatt 'meiner Vergewaltigung', die Vergewaltigung, die mir angetan wurde, die Vergewaltigung, die ich erlebt habe oder ich wurde vergewaltigt zu sagen. 

In dem Moment, in dem ich das Possessivpronomen, 'meine' Vergewaltigung benutze, gehört es irgendwie zu mir und gehört es zu mir? Möchte ich das? Sage ich das bewusst?

Was ich damit sagen will: Ruft euch die Sprache einfach immer mal aktiv ins GedÀchtnis und schaut, ob das noch zu der eigenen, aktuellen RealitÀt gehört.

Wenn ich schon bei meiner Therapeutin bin, noch eine letzte Weisheit. Relativ zu Beginn der Therapie habe ich irgendwann mal gesagt das ich keinen Bock auf die Opferrolle habe. Sie war total irritiert wie ich den auf das Wort Opferrolle komme.

In der RealitĂ€t können wir nicht einfach in Rollen rein und raus schlĂŒpfen

In der RealitÀt gibt es keine Opfer Rolle

In der RealitĂ€t kann man nicht einfach in Rollen schlĂŒpfen

Sie hat mir zu denken gegeben: Eine Opferrolle hat immer etwas mit Schauspiel zu tun, eine Schauspieler-Rolle und jemand kann in eine Rolle hinein- oder herausschlĂŒpfen. Ich sei aber Opfer geworden und kann nicht einfach raus schlĂŒpfen. 

Sie hat es mir noch plakativer gezeigt: Ein Passant wird von einem Auto angefahren, dann ist der Passant zum Opfer geworden. Der Passant kann in dem Moment nicht einfach beschließen, kein Opfer zu sein.

Ich weiß das Beispiel passt nicht ganz zum Vergleich aber ich glaube, ihr versteht was ich meine, niemand kann entscheiden, ob er Opfer ist oder nicht. Auch der Begriff 'Opferrolle' ist sehr suggestibel, es unterstellt, dass wir als Opfer beschließen können da rein und raus zu hĂŒpfen wie es uns beliebt. Und auch das ist nicht wahr.

Noch ein Spruch, den ich irgendwo mal im Internet gelesen habe, der mich echt berĂŒhrt hat. Da ging es darum das psychisch kranken Menschen oft unterstellt wird, dass sie nur so tun wĂŒrden als, ob sie krank wĂ€ren und das Opfer wĂ€ren. Dabei ist es viel hĂ€ufiger so, das sie so tun als wĂ€ren sie gesund.

Das hat mich echt zum Nachdenken gebracht. Niemand geistig gesundes schlĂŒpft freiwillig in eine Opferrolle, denn die Opferrolle macht keinen Spaß. 

Ich hoffe, ich konnte dir damit ein umfassendes Bild davon geben was eigentlich alles in einem Wörtchen, in dem Begriff 'Opfer' alles drin steckt. Welche Konnotationen, welche Stereotypen, welche Ängste, welche Sorgen und aber auch welche Chancen in der Benennung der RealitĂ€t liegt.

Und genau deswegen hab ich mich dazu entschlossen den Untertitel anzupassen. Der alte Untertitel hieß: Ein Podcast fĂŒr Opfer, Freunde, Angehörige und Interessierte. Klobig ich weiß, deswegen ist er es auch nicht geworden. Ich habe das Wort Betroffene noch dazu genommen.

Der Untertitel ist jetzt:  Der Podcast fĂŒr Opfer, Betroffene und InteressierteDas ist fĂŒr mich total stimmig. Das sind, meiner Meinung nach die zwei Stadien, die es fĂŒr die Heilung braucht. Dann eben noch fĂŒr alle anderen Interessierten, die sich gerne informieren möchten, die das Thema spannend finden, die neugierig sind oder die vielleicht sogar jemanden kennen dem das passiert ist, den wie ihr wisst, wird jede dritte Frau sexuell missbraucht.

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About the Author

Hi, ich bin Mai 😊 Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht Opfern sexuellen Missbrauchs zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Auch wenn eure Scham und Angst etwas anderes erzĂ€hlen: Das ist nicht wahr! Und es kommt noch besser: Der richtige schöne Teil eures Lebens liegt noch vor euch! Ich habe es geschafft, aus dem schlimmsten Erlebnis meines Lebens, eine enorme Kraft zu ziehen & mein Leben nach meinen Ideen neu zu gestalten - also kannst du das auch! Deine Mai 💛

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