Sexuell missbraucht als Mann đŸ€Ż - Tims #metoo-Story (Teil 2/2)

Sexuell missbraucht als Mann – Tims #metoo-Story (Teil 2/2)

Aug 19
Es ist vorbei - sexueller Missbrauch verarbeiten

Sexuell missbraucht als Mann. Dass ein sexueller Missbrauch nur Frauen betrifft, ist ein großer Irrtum. In diesem Interview ist Tim zu Gast, der Name ist ein Pseudonym, da er anonym bleiben möchte.

Dies ist der zweite Teil des Interviews. Wenn du den ersten Teil noch nicht gelesen hast und dich interessiert wie Tim offen und ehrlich ĂŒber den sexuellen Missbrauch spricht, den er erlebt hat, dann lies den gerne zuerst. Tim hatte ĂŒber meinen Podcast von meinem Gerichtsverfahren gehört und sich dadurch entschieden, auch vor Gericht zu gehen.

Er ist im Moment am Anfang des Prozesses und wir dĂŒrfen ihn dabei begleiten. Er erzĂ€hlt im ersten Teil davon, wie er direkt nach der Missbrauch mit dem Thema umgegangen ist und von seinen ersten Schritten, dem Verlauf seiner Strafanzeige.

In diesem Teil erzĂ€hlt Tim von seinem Umgang mit der Einsamkeit, der VerdrĂ€ngung und wieso er so lange geschwiegen hat. Dabei erzĂ€hlen Tim und ich von SchlĂŒsselmomenten, die unser Schweigen gebrochen haben.

Wie ĂŒberbrĂŒcke ich das Alleinsein? Sexuell missbraucht als Mann

Einsamkeit - sexueller Missbrauch als Junge

Einsamkeit - sexuell missbraucht als Mann

Mai: Meine Frage an dich, wie war das fĂŒr dich? War fĂŒr dich Einsamkeit auch ein Thema?

Tim: Gute Frage. Irgendwo ja, es ist schon schwierig. Weil man es nicht erzÀhlt, wenn jemand einen fragt, wie dein Tag war. Es fehlt der richtige Ansprechpartner.

Ich hatte lustigerweise das GefĂŒhl, das immer, wenn ich darĂŒber gesprochen habe, sich mein GegenĂŒber auch sehr geöffnet hat. Ganz oft auch auf einmal tiefe Ängste und Sorgen preisgab.

Du öffnest dich und andere Menschen öffnen sich dann auch. Hochinteressante Lebensweisheit. Alleinsein war lange Zeit bei mir ein GefĂŒhl von Wut. Gerade dieses “Wieso ich?” Ich habe mich geĂ€rgert.

Ich wusste nicht was tun, und ich konnte nicht laut losschreien. Wenn dir ein Teller Spaghetti herunterfĂ€llt, (Mai lacht) dann ist das zwar Ă€rgerlich, aber man weiß, was zu tun ist.

Beim Spaghettiteller weiß ich: Schippe, Besen, Pizza bestellen. Aber in dem Moment hast du nicht die Möglichkeit jemandem nach Rat zu fragen und darĂŒber zu sprechen. Man ist alleine damit.

Wenn man darĂŒber redet, sind die GesprĂ€chspartner oft der Partner, oder selbst wenn es ein guter Freund ist - sind wir mal ehrlich - in der Situation ist jeder erst mal ĂŒberfordert.

Ich hatte GlĂŒck, dass ich eine Partnerin hatte, die auch Missbrauch erlebt hat. Sie konnte mir dann eben sagen, dass sie in eine Therapie gegangen ist, und kannte Ansprechpartner. Die Therapie war dann auch mein erster Schritt. RĂŒckblickend betrachtend hatte ich saumĂ€ĂŸig GlĂŒck gehabt.

Wenn man mal weiß, wen man ansprechen kann, sieht man, wie viele man ansprechen kann. Damit kann man die Einsamkeit vorbeugen, weil man einfach mal jemanden hat der weiß, was man darauf antworten kann.

Ein Freund sagt: “Scheiße.” Aber vielleicht möchte man auch einfach mal hören, dass es vorbei ist.

Da gibt es unglaublich viele Anlaufstellen, sei es jetzt der “Weiße Ring”, die Caritas, die Diakonie. Alle haben Anlaufstellen, alle zumindest Berater die einen weitervermitteln können. Das kann ganz oft der erste Aufschlag sein, zu wissen, mit jemandem reden zu können.

Es gibt einen vertraulichen Kreis und von dort aus kann man besser planen, wie die Reise am sinnvollsten weitergeht. Bei mir war es damals Therapie. Dann kam das Angebot, wenn ich an einer Studie teilnehme, dann bekomme ich einen schnellen Therapieplatz.

Da kam es zu ein paar echt glĂŒcklichen UmstĂ€nden. All das war fĂŒr mich am Anfang auch sehr ĂŒberwĂ€ltigend, denn auf einmal redet man und man geht es an. Anstatt den Ball gedrĂŒckt unter Wasser zu halten, versucht man ihn hochzuholen.

Mai: Schönes Bild.

Tim: Ab dem Moment fĂŒhlt man sich nicht mehr so alleine. Gerade diese Anlaufstellen sind nicht so krass, wie man sich das immer ausmalt. “Ich gehe zum Therapeuten.” Es nichts Negatives, jemanden zu haben, der zumindest mal eine Anlaufstelle fĂŒr Tipps und Tricks bietet.

Es war nur eine kurze Zeit, in der ich dort war, aber es war sehr angenehm, weil es mir diesen Einstieg ermöglicht hat, einen Rahmen zu schaffen.

Mai: War die Therapie der erste Schritt fĂŒr dich um Kraft zu tanken fĂŒr die Anzeige? Wurdest du da aufgefangen?

Tim: Ja genau. Also am Anfang ging es erstmal darum, wie ich ĂŒberhaupt weitermachen möchte. Ich wusste ja nichts und habe mir dann auch gedacht, dass es vielleicht tatsĂ€chlich sinnvoll wĂ€re, es anzugehen, weil man merkt, dass man etwas mit sich herumschleppt.

Der Alkoholkonsum wird auch nicht weniger und man merkt, dass der Alkoholkonsum weniger Spaß macht, es aber trotzdem nicht weniger wird.

Man merkt, dass man nicht in der Mitte ist. Es war einfach mein erster Anlaufpunkt. Ich gehe es an, da ist jetzt jemand, der mir auch einfach mal die Option zeigt: Was kann ich machen? Das auch mal auszusprechen, ist schon eine große HĂŒrde.

Auszusprechen, was passiert ist. Man muss in dem Moment demjenigen ja vieles erklÀren. Man könnte auch sagen, dass einem was Schlechtes passiert ist und man Hilfe braucht.

Aber desto genauer man sie daran teilhaben lÀsst, desto besser können sie einem helfen. Bei mir war es eine recht junge Dame, die ich als furchtbar positiven Menschen in Erinnerung behalten habe.

Die Kernaussage: Das Alleinsein ist scheiße, wahrscheinlich eines der blödesten Sachen an dem ganzen Thema. Gerade in der Situation fĂŒhlt man sich alleingelassen und fragt sich, was man hier eigentlich macht. ÜberwĂ€ltigende GefĂŒhle.

Wichtig ist, dass man versucht, irgendwann aus dem Alleinsein herauszukommen. Dass man es einfach aktiver angeht und versucht einen Ausweg zu schaffen, mal eine TĂŒr zu öffnen.

Mai: Das ist cool.

Symptome - VerdrĂ€ngung der GefĂŒhle, sexuell missbraucht als Mann 

Als Junge missbraucht - Einsamkeit, Schamgefuehle

Sexuell missbraucht als Mann - Einsamkeit, SchamgefĂŒhle

Mai: Du hast jetzt schon das zweite Mal von Alkohol erzÀhlt, deswegen wollte ich da noch einmal nachfragen. Wie hat sich bei dir das VerdrÀngen gezeigt? Bei mir zum Beispiel ganz banal: Ich habe mich in Arbeit ertrÀnkt.

Viele denken, wenn man zu viel arbeitet, bekommt man einen Burnout. Bullshit. 99,99 Prozent der Burnouts passieren nicht, weil man zu viel arbeitet, sondern weil hinter der Arbeit noch etwas anderes steckt. Das Arbeiten ist eine VerdrÀngungsstrategie.

Ich bin volle Kanne in meine Arbeit und im Sport versunken. Ich habe fĂŒnf, sechs Tage die Woche Sport gemacht. Habe ErnĂ€hrung zu meiner Religion gemacht. Ich habe total darauf geachtet, was ich esse, und war zusĂ€tzlich ehrenamtlich aktiv.

Ich hab so viele Dinge gemacht, dass ich ja nicht eine Sekunde still sitzen musste, um mich mit den negativen Gedanken zu beschÀftigen.

Ich habe auch viel gefeiert, aber das hat sich dann zum GlĂŒck nach dem zweiten Semester gelegt. Deswegen ist es fĂŒr mich so interessant, was deine Ausweichstrategien waren.

Tim: Ich glaube, bei mir war das immer Gesellschaft zu suchen und zu haben. Unterwegs zu sein, was machen. Bin zwar immer noch ein sehr aktiver Mensch aber, wenn man unterwegs ist, Party macht, sich mit Freunden trifft, muss man sich nicht mit sich selbst beschÀftigen.

Man eiert so ein bisschen herum. Was auch Spaß gemacht hat und am Ende mir auch viel geholfen hat, um einfach mal auszusteigen. Je Ă€lter ich wurde, desto weniger hat es als Ausweichstrategie gepasst, weil sich das Umfeld verĂ€ndert hat, die Dinge sich verĂ€ndert haben.

Es fĂ€ngt doch an, irgendwann zu wackeln. Man merkt, man trinkt nur noch, anstatt in Feierlaune zu sein. Man ist dann doch irgendwann genervt und spĂ€testens dann ist eine ungute Situation, wenn man auf Alkohol aggressiv wird ungĂŒnstig. PrimĂ€r gesehen habe ich dann ein Problem, weil ich dann aggressiv bin und das dann auch noch auf meine Umwelt ablade.

SpĂ€testens dann, sollte ich mir Gedanken machen. Nicht, dass ich dann auf die Straße bin und sinnlos Leute umgehauen habe, aber ich habe gemerkt, dass das Ganze nicht mehr so Spaß gemacht hat wie frĂŒher, als das noch Ablenkung war. Es war irgendwann sinnlos und nur panisches UnterdrĂŒcken.

Mai: Panisch trifft es schon ganz gut.

Warum Tim so lange sein Schweigen gehalten hat - sexuell missbraucht als Mann

Warum so lange im Schweigen

Sexuell missbraucht als Mann - Warum ich so lange im Schweigen blieb

Mai: Eine echt fiese Frage, ich mag sie dir aber trotzdem stellen: Warum hast du so lange geschwiegen?

Tim: Ich unterteile es gerne in zwei Schweigen. Schweigen bis zur Therapie und das Schweigen bis zur Anzeige. Schweigen bis zur Therapie hat ganz viel damit zu tun, dass ich selbst erst einmal einordnen musste und klarkommen musste, was damals passiert ist.

Es ist etwas passiert, was nicht der Normalfall ist? Was nicht sein sollte? Klar gibt es immer Leute, denen es schlechter geht, nichtsdestotrotz, wenn es außerhalb des Normalfalles ist, ist alles erst mal scheiße. Sich dann zu streiten, wer es am schlimmsten Abbekommen hat, kann man machen, ist aber nicht zielfĂŒhrend. (Mai grinst.)

ZielfĂŒhrender ist dann eher sich zu ĂŒberlegen, wie man das jetzt angeht. In dem ersten Schweige-Zeitraum war viel Scham im Spiel, ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Dass etwas nicht stimmt, war mir klar, aber ich wusste nicht, was ich machen kann. Erst durch die Therapie habe ich gelernt, damit umzugehen. Ich habe gelernt, auch mal darĂŒber zu reden und es zu artikulieren.

Es war danach immer noch nicht einfach und habe aber damals nach der Therapie, der zweite Teil des Schweigens, wirklich pro und contra Listen erstellt. Anzeige oder keine Anzeige.

Wo ich damals zu dem Entschluss kam, dass am Ende des Tages Punkte wie: “Ich habe Angst darĂŒber mit meinen Eltern zu reden. Ich habe Angst, in der Öffentlichkeit zu landen.” FĂŒr mich prĂ€senter, beĂ€ngstigender waren, als andere Punkte.

Das ist der Nachteil, man muss erst einmal mit sich selbst klarkommen und ich war dazu oft nicht in der Lage. Es war scheiße, dass ich nicht wusste, ob es noch andere Opfer gab, oder es vielleicht immer noch passiert. Es hilft mir aber auch nichts, wenn ich ein Selbstmordkommando anfange, um Hauptsache irgendwo hineinzurennen.

Ich habe dann zwar die Welt gerettet, aber mich selbst zugrunde gerichtet. Klingt total ehrenvoll, aber wahrscheinlich geht es am Ende mehr in die Hose, als es vielleicht einen Nutzen bringt. Ich habe dann auch fĂŒr mich gemerkt, dass ich damit abschließen mag und nicht alles nochmal aufholen möchte.

Ich komme damit jetzt klar, ich akzeptiere, was passiert ist, ich kann damit leben. Dann kam irgendwann der Punkt, gerade wo ich ĂŒber deine Gerichtsverhandlung gelesen habe, wo fĂŒr mich prĂ€senter wurde, dass es das nicht gewesen sein kann.

Es kann nicht sein, dass ich mir mein Leben lang Gedanken darĂŒber mache und der andere (also der TĂ€ter) sich vielleicht gar keine Gedanken darĂŒber macht. Ich hatte das Verlangen dazu, demjenigen das Feedback zu geben: “Du hast da Scheiße gebaut.” Vielleicht versteht er das gar nicht, was er da wirklich gemacht hat. Es soll keine Rechtfertigung sein, aber es ist wichtig zurĂŒckzuspiegeln: Was du machst, ist scheiße.

Diese Gedanken wurden dann prĂ€senter als: “Ich möchte jetzt meinen Eltern nicht antun, darĂŒber reden zu mĂŒssen.” Die Gedanken: “Was ist, wenn es immer noch passiert? Was ist, wenn es anderen nun passiert? Gab es vielleicht schon Leute vor mir?” All diese Gedanken wurden immer prĂ€senter.

Da kommt die Tatsache auf, hĂ€tten die ihr Schweigen gebrochen, wĂ€re es nie so weit gekommen. Auch wenn es jetzt zu spĂ€t ist fĂŒr jemandem ist, dem das schon passiert ist, ist es vielleicht fĂŒr jemanden anderen frĂŒh genug und hilft dann ja trotzdem noch.

Mai: Das war fĂŒr mich tatsĂ€chlich damals auch ein großer Grund, wo ich gesagt habe, ich tue es nicht nur fĂŒr mich, sondern auch fĂŒr andere. Ich weiß nicht, ob ich die Erste bin, die anzeigt oder die Zehnte. Und wenn ich die Erste bin, dann ist es so. Wenn es im Sande verlĂ€uft, dann ist es so, aber vielleicht mache ich der Zweiten oder Dritten den Weg leichter.

Tim: Ja richtig, das weiß man ja nie. In der Staatsanwaltschaft, bei der Polizei sitzen auch nur Menschen. Wenn sie die vierte Anzeige fĂŒr die gleiche Person kriegen, dann ist es nicht mehr Aussage gegen Aussage, sondern auf einmal sind es vier Aussagen gegen eine.

Und wenn es nur zwei Aussagen gegen eine ist, hilft das schon viel. Ich kann nachvollziehen, wenn Leute sagen, dass sie noch nicht bereit sind, aber ich fĂŒr meinen Teil glaube, es tut mir gerade sehr gut, dass ich jetzt bereit bin, und den Schritt gegangen bin.

Es macht mir gerade ein gutes GefĂŒhl.

Mai: Du wirkst auch total zufrieden, total stark und klar.

SchlĂŒsselmomente von Mai und Tim, die das Schweigen brachen

Heilung - meine SchlĂŒsselmomente

Heilung - meine SchlĂŒsselmomente nach sexuell missbraucht als Mann

Mai: Gab es fĂŒr dich ein SchlĂŒsselmoment, auf den du das zurĂŒckverfolgen kannst? Wo du sagst: “Da habe ich entschlossen anzuzeigen.” ?

FĂŒr mich ist es total klar. Ich bin an einem Montag Morgen schweißgebadet aufgewacht, hatte einen Albtraum. Ich hatte das Gesicht des TĂ€ters in Nahaufnahme vor meinem Gesicht.

Mein damaliger Freund lag noch neben mir und ich bin dann mit meinem Handy ins Badezimmer und saß auf dem Klo. Das Bild ist ganz klar in Erinnerung geblieben. Ich saß da und habe mir gesagt, dass mein Leben so nicht weiterlaufen kann.

Ich bin nicht das Opfer. Ich sollte nicht diejenige sein, die schweißgebadet aufwacht und Schiss hat, sondern der TĂ€ter. Und da habe ich den "Weißen Ring" gegoogelt und denen sofort eine E-Mail geschrieben. Das war mein SchlĂŒsselmoment.

Tim: Ich glaube, es ist furchtbar wichtig, diesen Moment zu begreifen. In Amerika sagt man auch “Victim” als Opfer, was man aber auch sagt, ist der “Surviver”, der Überlebende. Wenn man das aus dem Kontext betrachtet, man ist nicht das Opfer, sondern ich habe da ganz schöne Scheiße ĂŒberstanden. Ich habe das ĂŒberlebt und ĂŒberstanden.

Du bist dann nicht mehr der Schwache in der Ecke, der sich nicht wehren konnte, sondern derjenige der das durchgestanden hat. Der eine echte Mutprobe ĂŒberlebt hat. Es ist, um Gottes willen nicht mit den Eigenschaften einer Mutprobe zu vergleichen, aber man hat da was geschafft.

Gerade wenn man danach sagt: “Ich will nicht mit gesenktem Haupt herausgehen, ich will mein Leben, leben.” Was auch mein gutes Recht ist. Ich habe ja nichts falsch gemacht.

Zu der Frage mit dem SchlĂŒsselmoment. “Es ist vorbei! ”. Hochinteressanter Moment fĂŒr mich, ein total schöner Moment, wo jemand zu mir sagt: “Es ist vorbei! ”. Da machte es klick, Jahre spĂ€ter.

In dem Moment ist eine Riesenlast von mir abgefallen. Diese Einsicht: “Stimmt, es ist rum.” Es ist nicht mehr, es wird nicht mehr passieren.

Das war ein toller SchlĂŒsselmoment. Dann gab es immer mal wieder so kleine Momente. Immer mal wieder, wenn man sich selbst ein bisschen relaxter erlebt.

Ein anderer SchlĂŒsselmoment war, wo er mir vor nicht allzu langer Zeit ĂŒber den Weg gelaufen ist. Da kam mir der Gedanke, dass er jetzt wahrscheinlich noch einen netten Abend vor sich hat, ohne zu wissen, was er mir angetan hat, und das kann es doch nicht sein!

Seit dem waren die ganzen Themen auch wieder sehr prĂ€sent, wie zum Beispiel die Frage, ob ich ihn anzeigen soll, oder nicht. 

Ich habe mich dann schlau gemacht und mir Informationen gesammelt, ob eine Anzeige wirklich so schlimm ist, wie ich es mir vorstelle, oder ob es vielleicht ganz anders verlÀuft.

Vielleicht geht es gar nicht nach hinten los. Wer weiß, ob eine Anzeige wirklich was bringt. Vielleicht ist das mein Beitrag zu einer besseren Welt. Ich hoffe es.

Kontakt und Umgang mit dem TĂ€ter

metoo-Story eines Mannes - jedem Opfer eine Stimme geben

#metoo-Story eines Mannes - jedem Opfer eine Stimme geben

Mai: Ich finde es absolut bemerkenswert, unglaublich mutig und stark von dir, wie du es erzĂ€hlst, dass du ihn auf der Straße triffst. Es ist einfach ein komplett anderer Umgang, als ich ihn gewĂ€hlt habe. Nachdem ich mich beim letzten Zusammentreffen, das erste Mal gewehrt habe, hat er mich nie wieder angefasst.

Einfach, weil ich ihm nie die Möglichkeit gegeben habe. Sobald er fĂŒr einen Besuch ankĂŒndigt wurde, war ich weg. Ich habe meine sieben Sachen gepackt und bin zu einer Freundin oder zu meinem Freund gegangen. Egal was, ich war einfach weg, weil ich es nicht ausgehalten und ertragen habe, ihn zu sehen.

Bis zum Gerichtsprozess habe ich das auch durchgezogen. Ich wollte ihn nicht sehen. Sein Anwalt hat auch meine AnwÀltin kontaktiert und mich zu einem TÀter-Opfer-GesprÀch gebeten, wo wir uns zu viert an einen Tisch gesetzt hÀtten.

Das wollte ich nicht. “Was soll ich mit diesem Mann an einem Tisch sitzen? Ich will diesen Mann nicht sehen, nicht hören, nicht riechen.” Er hat auch Geld geboten. Ich wollte nichts, ich wollte nur, das dieser Gerichtsprozess stattfindet.

Das war’s. Deswegen finde ich es unglaublich krass und auch inspirierend, dass du da ganz anders mit umgehst.

Tim: Meine Situation war ein bisschen anders. Ich kam nie dazu, mich wirklich zu wehren. Bei mir lief das ĂŒber lĂ€ngere Zeit hinweg und ist irgendwann ausgelaufen. Man hat so die Freunde, mit denen man sich trifft und irgendwann wird es immer weniger bis man sich gar nicht mehr sieht. So war das auch.

Heute kommt mir das zugute, wenn ich heute die Anzeige mache, dann kommt das ĂŒberraschend. Einfach dadurch, dass sich die Freundschaft so abgeebbt ist und es keinen Schnitt gab. Ich habe gelernt, damit umzugehen.

Am Ende ist auch er ein Mensch. Mir bringt es nichts, ihn zu hassen. Klar ist Wut eine starke Emotion aber ich möchte nicht wĂŒtend sein. Ich möchte ein gutes Leben fĂŒhren und ich finde, dass es eine Scheiß Situation ist, klar. Ich kann daran aber nichts mehr Ă€ndern. Er auch nicht.

Wenn ich jetzt den Rest meines Lebens wĂŒtend bin, dann macht das mein Leben kaputt. Wut hat man immer selbst, sei es im Straßenverkehr oder dem TĂ€ter gegenĂŒber. Derjenige, der mir die Vorfahrt nimmt, hat nichts davon, dass ich wĂŒtend bin.

Am Ende möchte ich gerne ausgeglichen sein, ich mag mit mir im Reinen sein. Deswegen bringt es mir nichts, wĂŒtend zu sein und den TĂ€ter kalt machen zu wollen. Bringt mir alles nichts.

Es ist jetzt nicht so, dass ich zweimal die Woche einen Kaffee mit ihm trinken möchte. Aber mir tut es gut, dass ich diesen Hass, diese Wut losgeworden bin. Ich habe mein Bestes gegeben das Ganze anzugehen, sowohl mit mir selbst, als auch jetzt ĂŒber die Anzeige nach außen, und damit kann ich aktuell sehr gut leben.

Alles andere macht es auch nicht mehr ungeschehen. Es ist passiert. Jetzt muss ich aus der Situation das Beste machen. Auge um Auge bringt mich nicht weiter. Ich möchte nicht genauso Dinge falsch machen, wie er es falsch gemacht hat.

Vielleicht auch mit dem guten GefĂŒhl am Ende dazustehen und zu sagen: “Ich habe es nicht so gelöst wie du. Ich habe mein Problem erkannt. In dem Fall, dass ich wĂŒtend bin und habe es aufgearbeitet. Er hĂ€tte sein Problem auch erkennen können. Er wird auch verstanden haben, dass er das vielleicht hĂ€tte nicht tun sollen, oder dass es nicht gut ist.

Ich glaube, mir gehts besser, wenn ich mit mir damit im Reinen bin, als wenn ich da mit Hass und Wut verzerrt hinterherlaufe. Das macht die Welt nicht schöner.

Tims Umgang mit Vergebung, sexuell Missbraucht als Mann

Vergebung - sexuell missbraucht als Mann

Vergebung - sexuell missbraucht als Mann

Mai: WĂŒrdest du sagen, dass du ihm vergeben hast?

Tim: Warten wir ab, wie die Anzeige lĂ€uft. Schwierig. Es ist sehr emotional fĂŒr mich. Er war ein Ansprechpartner fĂŒr mich als Kind. Etwas Positives und gleichzeitig sehr viel Negatives, was natĂŒrlich dieses gewollte Dilemma in der Situation ist, dass man eben schweigt.

Ich glaube, ich bin noch nicht an dem Punkt, wo ich sagen wĂŒrde, dass ich ihm vergeben habe. Aber ich bin ihm nicht böse. Es ist scheiße, was er gemacht hat, ja. Es hĂ€tte in seiner Situation andere Optionen gegeben.

Ich wĂŒrde sagen, ich bin ihm nicht böse. Ich wĂ€re gerne so weit, dass ich ihm vergeben und vergessen habe, aber es geht nicht. Damit muss er irgendwann mehr leben als ich. Ich komme damit klar, dass ich Opfer sexueller Missbrauch als Mann geworden bin. Kommt er damit klar, wenn es allen bekannt ist?

Wenn er sich damit beschĂ€ftigen muss, was er angerichtet hat. Es bringt ihm auch nichts, wenn er sich total verrĂŒckt macht und darin untergeht.

Zum Thema andere Anlaufstellen. Er hÀtte die Option gehabt anonyme Selbsthilfegruppen aufzusuchen, um es gar nicht so weit kommen zu lassen.

Vielleicht, wenn wir beide noch mal reden. Vielleicht bin ich dann schlauer und kann sagen: “Ich kann vergeben.” Jetzt ist das noch nicht der Fall, aber man muss ja auch noch eine Entwicklungsstufe haben.

Mai (lachend, berĂŒhrt): Luft nach oben. Ich danke dir Tim fĂŒr deine unglaubliche Ehrlichkeit, Offenheit, AuthentizitĂ€t, dass du da so locker flockig und auch unglaublich sympathisch davon erzĂ€hlt hast.

Hast du noch ein paar Abschlussworte? Tipps und kluge Worte fĂŒr Menschen, die sich das ganze Interview durchgelesen haben?

Tim: Schön, wer so weit gelesen hat. Ich glaube eine wichtige Message, die ich auch aus unserem GesprÀch mitnehme, ist, dass man nicht alles sinnlos in sich reinfressen sollte, und das man selbst schuld wÀre.

Sondern manchmal muss man auch den steinigen Weg gehen, damit es am Ende besser wird. Wenn ich immer nur versuche, dem ganzen aus dem Weg zu gehen, dann lande ich vielleicht an Orten und PlÀtzen, an die ich gar nicht gehen wollte.

Ich denke, man sollte sich den Mut nehmen es anzugehen und es nicht einfach sein lassen. Am Ende bringt es nichts, zu hassen und wĂŒtend zu sein. Das gehört dazu, es ist Teil des Prozesses aber ich glaube, so wie ich mich heute fĂŒhle: Sehr abgeklĂ€rt mit der Situation, ist fĂŒr mich selbst ein sehr erstrebenswerter Zustand.

Ich kann mir vorstellen, dass es auch fĂŒr viele andere ein sehr erstrebenswerter Zustand wĂ€re. Mit der Sache abgeklĂ€rt zu sein. Das Wissen mit sich selbst im Reinen zu sein. Schauen wir mal, wie lange das anhĂ€lt, ich bin aber optimistisch, dass es besser wird.

Mai: Ich bin da auch sehr optimistisch. Allein von unserem letzten Treffen bis jetzt hat sich so viel bei dir getan. Auch wenn du anonym bist, bekennst du dich mit deiner Geschichte. Du bist ganz offensichtlich ein Mann. Du brichst eine Lanze, du brichst einen Damm.

Du gehst diesen Schritt nicht nur fĂŒr diejenigen, die vielleicht von dem gleichen TĂ€ter, wie du sexuell missbraucht als Mann wurden, sondern auch fĂŒr alle anderen Opfer da draußen. Du gehst einen großen #metoo-Schritt.

Du gehst diesen Schritt jetzt und andere können dir folgen. Vielleicht folgen Sie dir ein paar Monate oder ein paar Jahre spĂ€ter. Du gehst diesen Schritt und du machst ganz vielen anderen Opfern Mut da draußen und meiner Meinung nach, ganz besonders den MĂ€nnern.

Genau in dieser Situation, von der du am Anfang erzĂ€hlt hast, dass Arbeitskolleginnen darĂŒber nachdenken und meinen das MĂ€nner/Jungen nicht sexuell missbraucht werden, kannst du entgegenbeugen.

Ich glaube, gerade als Mann ist es eine noch grĂ¶ĂŸere HĂŒrde anzuzeigen und zu sagen: “Mir ist das passiert.”, weil die Angst vor dem Verlust der MĂ€nnlichkeit besteht. “Will mich meine Partnerin noch, wenn sie weiß, dass ich mal missbraucht worden bin? Bin ich dann noch ein echter Mann?

Was auch immer das bedeuten mag. Deswegen glaube ich, du hast hier allein, dass du dieses Interview mit mir gemacht hast die Welt ein riesengroßes StĂŒck besser gemacht.

Tim: Danke, freut mich.

Mai: Danke lieber Tim. Danke an alle Leser*innen die bis hierher gekommen sind.

Das war der zweite Teil des Interviews mit Tim. Wenn du den ersten Teil noch nicht gelesen hast und dich interessiert, wie Tim offen und ehrlich ĂŒber den Ablauf seiner Geschichte spricht: "sexuell missbraucht als Mann", dann lies dort gerne weiter. Tim hatte ĂŒber meinen Podcast von meinen Gerichtsverfahren gehört und sich dadurch entschieden, auch vor Gericht zu gehen.

Bis bald! Deine Mai

P.S. Fandest du den Artikel hilfreich? Dann wĂŒrde ich mich riesig freuen, wenn du mich dabei unterstĂŒtzt, dass die Blog- und Podcastinhalte weiterhin kostenlos bleiben. Erfahre hier, wie du mit nur 6€ im Monat zum*zur UnterstĂŒtzer*in werden kannst.

Follow

About the Author

Hi, ich bin Mai 😊 Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht Opfern sexuellen Missbrauchs zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Auch wenn eure Scham und Angst etwas anderes erzĂ€hlen: Das ist nicht wahr! Und es kommt noch besser: Der richtige schöne Teil eures Lebens liegt noch vor euch! Ich habe es geschafft, aus dem schlimmsten Erlebnis meines Lebens, eine enorme Kraft zu ziehen & mein Leben nach meinen Ideen neu zu gestalten - also kannst du das auch! Deine Mai 💛

>